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Samstag, 2. Februar 2013

When the Music's Over - Leseprobe mit kleiner Errol Flynn-Hommage

©Martina Pilcerova - 1999
....Doc blinzelte. Ohne seine Brille war seine Fernsicht nahezu null. Er versuchte die Nationalität des Bootes zu entziffern, doch da war nur ein seltsamer Schriftzug an den Bug gepinselt. »ZORRO« – nein, Doc rieb sich die Augen – »ZACA« und darunter »San Francisco«. Es war verrückt. Aber am Bug stand ein Mann mit einem Fernglas, der wie die idealisierte Ausgabe eines Piraten aussah. Doc rieb hektisch an den salzverkrusteten Brillengläsern, entweder hatte er Halluzinationen oder er war hundert Jahre in der Zeit zurückgereist. Obwohl ihm der letztere Gedanke ausnehmend gut gefiel – schließlich war er in einem anderen Leben Science Fiction-Autor gewesen –, war es besser, seine Phantasie zu bremsen. Die Realität war schließlich verrückt genug.
Früher schrieb er SF-Romane, jetzt lebte er in einem. Anna hatte immer seinen Sarkasmus und seinen schrägen Sinn für Humor gemocht. Ob sie auch über den größten Witz von allen gelacht hätte? Sie, die, als sie seinen größten Traum lebte, von den Aliens aus diesem Universum gesprengt worden war. Es war die Voyager-Crew gewesen, die die Alien-Flotte entdeckt hatte. Die Shuttle-Mission hatte dem Aussetzen eines Beobachtungssatelliten gedient.
Welch eine Ironie. Während sich die Nationen auf der Erde gegenseitig ausspionierten, hatte der Feind längst auf der erdabgewandten Seite des Mondes Position bezogen und keiner hatte es bemerkt.
Wirklich nicht? Diese Frage nagte an ihm, und würde sich jemals ein Weg zeigen, die Antwort zu bekommen, er würde ihn ohne zu zögern gehen. Und vielleicht war seine Flucht nichts weiter als der erste Schritt auf diesem Weg.
»He, fang auf, Mann!« Der Pirat warf ihm ein Tau zu.
Vergeblich versuchte Doc, danach zu greifen. Seit jenem fatalen Augenblick vor neun Tagen, als ihm ein Brecher sein Paddel aus der Hand geschlagen hatte, war jede Kraft von ihm gewichen. Noch nie zuvor hatte er seine eigene Sterblichkeit so deutlich vor Augen gehabt. Und nun sah er sich, unfähig sich selbst zu retten, an dem Boot vorbeitreiben.
 »Das war schon ganz gut. Versuchen wir’s noch mal.«
Und wieder flog das Tau auf ihn zu. Diesmal klatschte es auf die Reling und Doc griff zu und befestigte es in der Halterung für das verlorene Paddel.
Der Mann, der ihn mit einem kräftigen Griff an Bord holte, hätte allerdings gut ein Filmstar sein können, wenn nicht exzessiver Drogenkonsum sein Gesicht aufgeschwemmt hätte. Und irgendwie kam er ihm sogar bekannt vor, nicht nur, weil er wie eine Mischung aus Errol Flynn und dem King aussah. Doc hatte vor vielen Jahren seiner Leidenschaft für alte Piratenfilme ein Denkmal gesetzt. China Sea war kein kommerzieller Erfolg gewesen. Aber Mann, hatte er einen Spaß gehabt beim Schreiben.
»Hi, Landsmann.« Sein Lächeln war entwaffnend.
Da wusste er es. »Running Wild – sieben Wochen auf Platz eins, stimmt’s?«
»Ein Fan – der Himmel steh mir bei!« Pierce legte den Kopf auf die Seite und taxierte den Fremden. »Du hast nicht zufällig ’n biss¬chen Stoff dabei, oder?« Er schüttelte den Kopf und gab sich selbst die Antwort. »Na, mach erst mal, dass du unter Deck kommst. Irgendwo sollte es da auch was zu essen geben. Bedien dich einfach.« Und nach einem weiteren Blick: »Da unten ist auch ’ne Notapotheke, guck mal, ob du was für dein Gesicht findest. Hast ’nen Sonnenbrand, der sieht echt legendär aus, Mann.«
Ohne den Mann weiter zu beachten, ließ er den Motor des SunCo an. Wurde Zeit, dass er nach Freezone kam, sonst würde er das Boot nicht mehr in die Mole manövrieren können, und der Ami sah nicht unbedingt wie ein begnadeter Seemann aus. Pierce sah ihm nach, wie er ungeschickt das Fallreep hinunterkletterte. Irgendetwas an diesen ungelenken Bewegungen kam ihm vertraut vor. Nein, das konnte nicht sein. Hier draußen, hundertsiebzig Meilen vor der westafrikanischen Küste, hüpften einem keine alten Bekannten ins Boot.
»He, Mann, wie heißt du eigentlich?«
Der Fremde kam nach einer Weile an Deck. Seine Nase war mit weißer Paste beschmiert. In der einen Hand hielt er eine Büchse mit Pfirsichen, er kaute heftig.
»Die sind wahrscheinlich so kontaminiert, dass du wie ’ne alte Uhr leuchten wirst, Mann«, grinste Pierce.
»Weiß ich.« Der Mann kaute ungerührt weiter, schluckte und streckte Pierce dann seine Rechte entgegen. »Meine Freunde nennen mich Doc.«
Pierce schüttelte seine Hand und überlegte, wie weit er ihm wohl trauen konnte. Seit der Blockade wusste niemand so genau, was in diesem großen Land vor sich ging, und immerhin war sein Passagier aus dem Windschatten eines Planktonschleppers in sein Leben getreten, sozusagen. Nun, das sollte nicht seine größte Sorge sein. Freezone würde sich schon um ihn kümmern – auf die eine oder andere Weise, so war es schon immer gewesen. Die Enklave nahm die Menschen und formte sie um – zu etwas Neuem oder, im schlimmsten Fall, zu etwas Totem. Und wer dazugehörte, den versorgte sie mit allem, was er brauchte.
Pierce warf einen Blick auf den Autopiloten. »Ich hau mich für ’ne Weile in die Koje, okay?« Doc machte eine unbestimmte Geste aus dem Handgelenk, die wohl Zustimmung oder was Ähnliches signalisieren sollte.
Pierce zuckte die Achseln und kletterte nach unten. Wenn er noch eine Valium schmiss, konnte er vielleicht weitere ein, zwei Stunden durchhalten. Ihm fiel ein, dass er die letzte Valium vor drei Tagen genommen hatte. Scheiße. Fröstelnd rollte er sich in der Koje zusammen und schloss die Augen (...)
©Myra Çakan, 1999 

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